Mit dem Potential an überschüssigen Kräften, das die
alten Krieger mit sich herumschleppten, war es ihnen natürlich schnell
gelungen, sich im Milieu des Niederdorfs zum gefürchteten Gegner
emporzuschwingen." Das Milieu übt aber gewisse Sogwirkungen
aus; denen sich auch Tinos Haufen nicht entziehen konnte. - Alte Freunde
begannen sich von ihm und den "Angels" zu distanzieren, oder
die Kontakte verloren sich allmählich: bald wussten sie nur noch
Pfarrer Ernst Sieber hinter sich, der neben seinem Pfarramt in Zürich Altstetten in der Stadt eine
Obdachlosenarbeit aufgebaut hatte. Sieber überzeugte sie zu punktuellen Hilfsaktionen bei den Bergbauern und führte mit ihnen ein vierwöchiges
Lager am Sihlsee durch, während dem ein altes Haus renoviert wurde.
Der durch seine Unkonventionalität "populär" gewordene
Pfarrer hielt zu ihnen und glaubte fest daran, mit Gottes Hilfe und der
Toleranz der Behörden, ihre Kräfte zum Guten umbiegen zu können.
Das Ganze begann auch ziemlich vielversprechend, es war ihm nämlich
gelungen, den von Abbruchhaus zu Abbruchhaus squatternden "Angels",
die Notunterkünfte im sogenannten "Helvetiaplatz-Bunker"
als vorläufige Bleibe zur Verfügung zu stellen.
Doch es kam anders.
Die eingangs geschilderte Strafaktion gegen die "Black
Eagles" sollte sich als "Bumerang" erweisen. Sie bildete den
Auftakt zu einer grossangelegten Kampagne von Presse und Behörden
gegen die Rockers überhaupt, die aber letzten Endes vor allem die
"Hells Angels" empfindlich traf.
Nach diesem Ereignis begannen sich plötzlich die Kommentatoren
in den Tageszeitungen die Finger wund zu schreiben. "Wie soll das
enden?" und "Unzulässige Selbsthilfe!" waren die Titel
und von "bürgerkriegsähnlichen Zuständen" war die
Rede. Angesprochen waren dann auch die Polizei und die Behörden;
die es soweit hatten kommen lassen und die "Progressiven", die die Saat gesät hätten, die
jetzt aufgegangen sei; indem sie die "armen Burschen" jahrelang
gepflegt und gehätschelt hätten.
Die Po(izei erklärte händeringend,
sie könnte von Gesetzes wegen nichts gegen die Rockers tun, sie könnte
erst einschreiten, wenn diese im Verdacht bereits begangener strafbarer
Handlungen seien und diesbezüglich würde das Möglichste
unternommen.
Aber schon Tage später, begann das Gezeter seine Früchte
zu tragen ...
Die Polizei veröffentlichte an einer Pressekonferenz
einen Untersuchungsbericht über die Verbreitung von Rocker-Gruppen
und ihre Straftaten. Mit harten Zahlen konnte Rechenschaft abgelegt werden:
stolze, 10 Gangs, die etwa 120 Leute umfassten, wurden im Kanton Zürich
ihr Unwesen treiben.
Darauf überprüfte der Stadtrat die Lage und stellte fest, dass
in städtischen Liegenschaften - im erwähnten "Bunker" von Pfarrer Sieber und in einer Altliegenschaft an der Hofwiesenstrasse
- Rocker logierten. Auf Jahresende wurden die Liegenschaften den Rockers gekündigt.
Noch im Dezember des auslaufenden Jahres holten dann Polizei und Bezirksanwaltschaft
zum Präventivschlag aus: Bezirksanwalt Dr: Maxcel Bertschi -
der heutige Staatsanwalt, und der Chef der Sittenpolizei, Kommissar Robert
Schonbachter, führten im "Helvetiaplatz-Bunker" eine Razzia
durch, bei welcher 17 Angehörige und Kandidaten der "Hells Angels"
festgenommen wurden. Grund dazu war eine Anzeige, von zwei Mädchen,
die in den Bunker verschleppt und vergewaltigt worden seien. .
Damit war das Ende der alten "Angels" praktisch besiegelt. Im
nachfolgenden Frühling wurden sechs ihrer Leute vor Geschworenengericht
zu durchschnittlich 2 Jahren Gefängnis verurteilt und eine vor Obergericht
zu einem Jahr. Ob sie der vorgeworfenen "Freiheitsberaubungn und
"Notzucht" tatsächlich schuldig waren ist ein Kapitel für
sich. Dass die " Angels sich natürlich jederzeit zu Sex-Orgien
hinreissen liessen, war durch ihre eigenen Reden und Erzählungen
weitherum bekannt. Das wusste auch jedes Mädchen, das sich mit ihnen
einliess. Und viele drängten sich ihnen geradezu
auf. Oft wurde vor aufgebrachten Eltern und eifrigen Polizisten aus den
sexuellen Entdeckungsreisen der Töchter "Vergewaltigungen"
konstruiert, die von den bedrängten, meist minderjährigen Mädchen,
unwidersprochen blieben.
Was in den gerichtlich behandelten Fällen nun tatsächlich geschehen
war, ist kaum rekonstruierbar. Auf jeden Fall gaben diese Fälle den
Behörden die Legitimation für ihr schonungsloses Vorgehen. Eine
Horde besoffener "Angels" ist anderseits aber auch zu manchem fähig.
Auf jeden Fall plädierte des als Zeuge vorgeladene Pfarrer Sieber,
der die Angeklagten wohl am besten kannte, auf Milde des Gerichtes, wenn
den jungen Leuten "ein Aufbruch zu neuen Ufern" nicht zum vorneherein
verunmöglicht werden sollte.
Tino, der am fraglichen Abend nicht anwesend war, hatte sich zur Zeit
der Prozesse, ins Ausland abgesetzt. Er war bereits wegen Diebstahl, Sachbeschädigung,
Hausfriedensbruch, Körperverletzung (er hatte zwei Polizisten zusammengeschlagen)
und anderer Delikte zu 16 Monaten Gefängnis verurteilt worden
und es drohten ihm zudem neue Verfahren.
Am 8.Juni 1972 wurde er im Libanon unter der Beschuldigung des "illegalen Waffenbesitzes", und der Spionage zu Gunsten von Israel, verhaftet,
gegen Kaution aber bald wieder freigelassen. Erzählunggen nach
soll Tino mit libanesischen Soldaten in eines seiner üblichen Saufgelage
geraten sein, das in einem "Kasernensturm" - allen voran Tino
auf dem Motorrad - einen etwas unglücklichen Ausgang genommen hatte.
Wieder auf freiem Fuss, setzte er sich nach Griechenland ab, wo er in
Athen erneut verhaftet und in Auslieferungshaft gesetzt wurde.
Am 20.November 1972 wurde er nach Zürich überführt und
in Regensdorf inhaftiert.
"Es ist uns klar, dass wir eines Tages abgeknallt werden; und wir
sagen beim Abkratzen: 'Gut nicht im Bett verrecken zu müssen'. Wir
sind die Herren auf der Welt und werden's beim Satan noch sein, auch wenn's
dem Teufel nicht gefällt, so heizen wir uns selber ein. Engel der
Hölle! Besser in der Hölle zu herrschen, als im Himmel zu dienen:
Hells Angels - Freiheit, Wahrheit,Menschlichkeit, Brüder. He, du Spiesser.
Höre mal ein bisschen zu, ich werde dir etwas sagen: Ich, Tino, Pres.
of H.A.M.C.C.H. habe Jahre und Energie in eine Gruppe gesteckt und etwas
bewiesen, das stärker ist als Gewinn, Gesetzbuch, Pein, Strafe und
manchmal mindestens so stark wie richtige, ehrliche Liebe. Unsere Wertmassstäbe
waren und sind weit härteren Belastungen ausgesetzt. Bürger, nie wirst du verstehen, weil du es nie erlebt hast, einmal einen wahrhaftigen,
wirklichen Freund und Bruder zuhaben." Tino 1973 (Tagebuch in Regensdorf)
"Hells Angels - dieser Name war für
ihn wirklich heilig: Wobei er ihn immer 'sehr nett' erklärt hat.
Das Leben in unserer Zivilisation könne man häufig als Hölle
empfinden, aber man müsse versuchen, denen gegenüber, die man
gerne habe; irgendwie gut und anständig zu sein: Das Verdienst der
Hells Angels sei es, dass sie den Vertrampten gezeigt hätten,
dass man in der grössten Hölle wie ein Engel leben könne." Sergius Golowin (im Gespräch)
Die Hells Angels gewannen vor allem in
den 60er Jahren in Kalifornien an Grösse, Publizität und Auftrieb, gehen aber auf eine Lebensweise
zurück, die Ende des zweiten Weltkrieges anfing. Kriegsveteranen
begannen nach ihrer Rückkehr mit Motorrädern in wilden Horden
das Land zu durchstreifen, sei es, weil sie keinen Job fanden, sei es
weil sie sich nicht mehr an das Alltagsleben anpassen konnten. Die erste
Gruppe - in den USA nennt sich das "Chapter" - die diesen Namen trug, wurde
1950 in Montana gegründet. Einige der amerikanischen "Angels"
führen ihren Namen auf ein berühmtes Bomberschwadron zurück,
das im I. Weltkrieg in der Nähe von Los Angeles stationiert war,
diesen Namen trug und dessen Mitglieder jede Minute, die sie nicht
in der Luft verbrachten, mit ihren Motorrädern wild in der Gegend
herumfuhren. Andere wiederum führen "Hells Angels" auf
einen 1930 entstandenen gleichnamigen Fliegerfilm mit Jean Harlow zurück,
der von Howard Hughes, der auch Regie führte, produziert worden
war.
In den späten 60er und frühen 60er Jahren begannen hierzulande,
ausserhalb der bestehenden Jugendorganisationen und Treffs, Jugendbanden
zu entstehen, die sich meist, durch auffällige, gegen den Strich
der jeweiligen Erwachsenenmode laufende Kleidung, eine Vorliebe für
den Rock 'n' Roll des Elvis Presley, Alkoholexzesse, handfeste
Auseinandersetzungen und ein enormes Zusammengehörigkeitsgefühl
auszeichneten. An Gartenfesten, auf Jahrmärkten und Rummelplätzen,
die sie mit Vorliebe in der Gruppe besuchten, kam es oft zu Schlägereien.
für die "entrüstete Öffentlichkeit" in
Zürich waren die Keilereien, die mit schöner Regelmässigkeit
an den Zürcher Knabenschiessen stattfanden, alljährlicher Anlass,
das Problem durchzukauen. Der letzte Stunk fand zwar bereits 1962 statt,
was aber die Lokalberichterstatter nicht daran hinderte beinahe mit einem
tränenden Auge, den Satz wider Erwarten ist es diese Jahr zu keinen
handgreiflichen Auseinandersetzungen mit den Halbstarken gekommen, in
allen möglichen Variationen zu wiederholen..
Tino muss in diesen frühen Jahren bereits einen Vorgeschmack von
diesen Jugendbanden erhalten haben. Einige Erzählungen weisen auf
eine "Al Capone Gang" zurück, andere auf "the Revengers
".
1962 wurde in Zürich die "Lone Stars" Gang, Tinos spätere
Bande gegründet. Zu dieser Zeit-hat er in Basel Matrose gelernt,
sein Beitritt zu den "Lone Stars" erfolgte erst 1966.
Der Aufbruch
der Jugendlichen, der Hippies, Beatniks und Studenten in der Mitte de
60er Jahre gegen System imd Establishment, verschafft natürlich auch
den Jugendbanden Auftrieb.
Der vom Protest erfüllte Geist der Zeit verhalf auch den ausgestossenen
und "vertrampten" Jugendlichen ein Selbstbewusstsein zu entwickeln.
Amerikanische Rockerfilme wie "Wild Angels" und "Born Losers"
bereicherten die heranwachsende Kultur mit neuen Versatzstücken.
Ebenso der legendäre "Easy Rider". Dabei gings weniger um Nachahmung,
sondern um ein "Sich-gespiegelt-sehen" oder eine Adaption von Details in
ein neues Ganzes. Dass in "Born Losers" die gleichnamige Rockerbande
als ein Haufen von faschistoiden Schweinen dargestellt wurde, hinderte
beispielsweise 3 oder 4 Motorradfahrer aus dem Zürcher Unterland
nicht daran, ihrem Club diesen Namen zu geben. Das Rockertum, das in der
Schweiz in den 60er Jahren entstand, auf eine endgültige, gar amerikanische
Formulierung zu bringen, ist ebenso unmöglich, wie eine feste Lehre
des Voodoo aufzustellen.
Drei Dinge waren allerdings mit der Zeit auch für das hiesige Rockertum
bestimmend:
Erstens die Kameradschaft um jeden Preis; einem Rocker, der
in Schwierigkeiten war, wurde geholfen, koste es, was es wolle.
Zweitens
gehörte zu einem Rocker ein Motorrad, allerdings keine schnittige
Rennmaschine, sondern ein möglichst wild gebauter Feuerstuhl, auf
dem man sich aufrecht sitzend, dem Wind entgegen stellen konnte. Ideal
war eine alte "Indian" oder eine "Harley Davidson ".
An dritter Stelle erst kamen die Mädchen. Sie waren zwar stets willkommene
Gäste, konnten aber selbst nicht in die Bande aufgenommen werden.
Tinos Weltbild und sein Handeln richtete sich natürlich nach diesen
Grundsätzen, zudem konnte er Abweichungen auch immer bestens begründen.
Sergius Golowin, der von 1967 an intensiven Kontakt mit ihm hatte, weiss
das so zu illustrieren:
" Verschiedene Male habe ich mit ihm wegen
bestimmter Dinge hart diskutieren wollen, weil ich gefunden habe, das
sei falsch, und ich mich verpflichtet fühlte, ihm das auch sagen.
Er hat seine Handlungen dann aber immer so schön begründet,
dass ich ihm jedesmal sagen musste, also, wenn man das so sieht wie du,
dann könnte es ja richtig sein."
Tino hatte als Boss die Tendenz, Sachen, die schief herauskamen auf sich
zu nehmen oder die Betroffenen durch seine Verhandlungskunst herauszuholen.
Anlässlich eines Besuches bei Golowin in Interlaken liessen Leute,
die mit Tino kamen, aber nicht zu seiner Bande gehörten, sich etwas
zu Schulden kommen, worauf die Polizei eingriff. Tino ist auf den Posten
gegangen, hat die Leute herausgeredet und alles gedeckt. Aber dann war
Schluss. Er ging mit ihnen unheimlich hart ins Gericht und wollte nichts
mehr von ihnen wissen. Das Ritual der Kameradschaft hatte aber auch andere
Seiten. Jeder, der in die Bande auf
genommen werden wollte, musste als Prüfung ein Delikt begehen. Der
tiefere Sinn lag darin, die Gruppe zu einer Schicksalsgemeinschaft zu
sammenzuschweissen, in der keiner mehr die anderen verraten konnte, weil
jeder Schuld auf sich geladen hatte.
Tinos Beziehung zu Motorrädern grenzte an Religion. Er hatte mindestens
35 Unfälle, zum Teil sehr schwere. Dass er ohne Helm fuhr, war
eine Selbstverständlichkeit. Sergius Golowin, der ein Buch mit Tinos "philosophischen Gedanken" für den Arche Verlag geschrieben
hat, das dann aber nicht erschienen ist, gibt mir eine Kostprobe,zum Thema
Töff aus dem Gedächtnis:
"Auf einem Motorrad fahren, das
kann jeder. Aber richtig fahren kannst du erst, wenn du einen Unfall gehabt
hast. Entweder fährst' du nachher gar nicht mehr oder du fährst
ganz brav. Und es gibt solche, die sagen, 'jetzt erst recht!'. Der Töff
hat mir bewiesen, dass ich nicht durch den Töff sterbe. Jetzt lese
ich meine Knochen zusammen und fange an, richtig zu fahren. Nun merkst
du plötzlich, wie die Kraft der Maschine sich mit der eigenen Kraft
zu vermischen beginnt. Und du merkst, dass du und der Töff zu einem
Wesen verschmelzen. Das war so bei den Rittern und ihren Pferden, bei
den Indianern, bei den Kosaken, bei all' den wilden Völkern. Der Töff
regt deine Gedanken an und du überlegst dir was und merkst auch,
wie deine Gedanken beinahe auf den Töff übergehen."
Der Journalist Walter Bretscher hat Tino in einem Interview über
das Verhältnis, das Rocker zu den Frauen haben, befragt. Das Problem
war für die Linken und Hippies in dieser Zeit in dem Sinne tabu,
dass man nach Aussen Gleichberechtigung vertrat und sich nach Innen wunderte,
wieso damit immer wieder Probleme entstanden.
Die Frage Bretschers lautete
dann auch:
Bretscher:"Mädchen können bei den "Lone Stars"
nicht Mitglied werden. Behandelt ihr sie so nicht als zweitrangige Wesen?"
Tino: "Das stimmt. Leider haben die Mädchen mit ganz wenigen
Ausnahmen nicht die gleiche Fähigkeit zur Kameradschaft wie
ein Junge. Das liegt aber nicht am Wesen der Frau, sondern an der Erziehung."
Bretscher: "Da ihr auch alles teilt, teilt ihr auch die Mädchen?"
Tino:
"Für uns gibt es zwei Kategorien Mädchen Mädchen. Die ,
die ein festes Verhältnis mit einem Gangmitglied haben - solche sind
tabu für die anderen -, und solche, die mit allen schlafen. Letztere nennen wir "Mamas"
oder "Liegestühle""
Bretscher: "Ist das nicht eine neue Form
des heuchlerischen Spiesser Prinzips: Leichte Mädchen verachtet man,
schlafen tut man aber trotzdem mit ihnen?
Tino:
"Im Gegenteil ein Mädchen, das für
alle da ist hat vielmehr Klasse. Es ist viel offener, weniger spiessig,
weniger versnobt. Wir haben vor ihnen viel mehr Achtung. Es gibt keinen
Grund, nur mit einem in der Gang zu schlafen. Wir sind alle gleich
gut."
Selbiger Tino, Prediger der freien Sexualität, entpuppt sich in seinem Knast-Tagebuch von 1973 aber als schrankenloser Romantiker, als die Freundin, die er damals am liebsten hatte, nichts von sich hören
liess. Und sein Machismo, den er nach aussen gerne pflegte und zur
Schau stellte, gewinnt eine andere Dimension, wenn er folgenden, eigentlich
sehr rührenden Gedanken äussert:
"Ich bin überzeugt,
dass die Vorstellung beirn Ficken die ist:
Er liegt auf dem Rücken,
da der Mann von Natur aus 6% mehr Muskeln hat, und vom Betasten und Anschauen
angeheizt wird. Sie hingegen, reagiert auf gestreichelt werden, also muss
sie oben rauf und er muss die Hände frei haben. Ich will nur sagen:
zurück zum Instinkt, zurück zur Natur. Natürlich bin ich verrückt, aber was ihr dort drüben technisiert, mechanisiert
und als normal, rechtschaffen, ordentlich bezeichnet, ist für mich
eher etwas.. Zerstörtes, auch wenn du Fortschritt dazu sagst."
Dies von einem Rocker zu hören, ist doch eigentlich sehr erstaunlich
und alles noch bevor
die Feministinnen dieses Thema diskutierten.
Die angeführten Beispiele zu seiner Idee des Rockertums, sind beinahe
zufällig aus dem herausgenommen, was ihm alles zugeschrieben wird,
lassen das Rauhbein Tino als eine Gestalt von grosser Originalität
. mit fast poetischen Dimensionen erscheinen. Keinesfalls war er
einfach ein Kopierer des amerikanischen Rockertums.
Das Rockertum ist eigentlich ein Unterschichtsphänomen. Untersuchungen
über die "Angels" in den USA und die Rocker in England
zeigen dies klar auf.
Sehr intensiv schildert Tino die Situation seiner
Bandenmitglieder in Jürg Hasslers Film "Krawall", einem
einzigartigen Dokumentations- und Actionfilmüber die Globusunruhen
und ihre Hintergründe:
"Unsere Bande setzt sich aus Leuten zusammen,
die sich von unserer Gesellschaft, der älteren Generation, von unserer
Ordnung eben verseckelt fühlen, weil sie kein rechtes Zuhause haben.
Da ist einer; der ist Vollwaise, bei einem anderen ist die Mutter eine
Hur', der Vater säuft, die Mutter säuft,..sie wohnen in Notwohnungen
und was machst du da; du gehst auf die Gasse, weil es Zuhause eben stinkt,
weil eine Sauerei ist in der "Loge", und weil man es eben dort nicht aushalten
kann. Leute, die immer im "Spunten" sind, suchen sich dann eben ein neues
Zuhause, schliessen sich zu einer Bande zusammen. Das ist der Hintergrund;
den eine Bande hat. Doch der Hauptzweck der Bande ist nicht ein Ersatz
für ein Zuhause, für die armen Büblein, sondern die Bande
ist das Ziel vor Augen. Die Bande ist das, dass wir uns auflehnen gegen die Gesellschaft, gegen diese Ordnung, gegen den Füdlibürger,
gegen die Vorurteile."
Im Gegensatz zu seinen Bandenmitgliedern stammte Tino aus gutbürgerlichen
Verhältnissen, hatte aber Mühe dem Druck seines Vaters nach
Anpassung standzuhalten. Asthma und Legasthenie, die aber nicht richtig
erkannt worden ist, waren die Folge:
"Ich komme,aus einer gutbürgerlichen
Familie. In meiner Schulzeit litt ich unter Legasthenie (Leseschwäche). Mein
Vater konnte das nicht verstehen. Obwohl ich mir Mühe gab. Schliesslich
schickte man mich zum Psychiater. Der sagte, ich sei intelligent
genug, um lesen zu können. Darauf hiess es "also, doch
Faulheit!". Ich wollte so früh wie möglich vom Elternhaus
unabhängig sein. Es gab für mich nur zwei Möglichkeiten:
Koch oder Matrose, weil man bei diesen Berufen frei Kost und Logis erhält.
Ich wurde Rheinmatrose - wegen der frischen Luft. Nach der Lehre. hatte
ich das Matrosenleben satt und schloss mich den "Lone Stars" an", erzählt er Water Bretscher.
Trotzdem brach er sein Verhältnis
zum Elternhaus, vor allem zu seiner Mutter (der Vater starb früh),
nie ab. Er sprach immer sehr gut von seiner Familie. Das "elterliche Haus" stand
ihm jederzeit offen.
Pfarrer Sieber hat Tino bereits I973 als eine Art "Gassenarbeiter"
gesehen. Er hat ihm während seiner Knastzeit ein diesbezügliches
Angebot gemacht. Tino war darüber einerseits gerührt, machte
sich aber andererseits lustig über die Illusion des guten Sieber,
dass die Füdlibürger, seine grössten Feinde, ihn jemals
in der Position eines Sozialarbeiters akzeptieren würden.
Sein Verhältnis zu den Linken hatte neben den tagespolitischen Allianzen
auch mit einer grossen Bewunderung von Che Guevara zu tun die er, wie
mir gesagt wurde, sein ganzes Leben lang aufrecht hielt. Zum anderen war
er laut Sergius Golowin begeistert von alten, wilden russischen Volksstämmen,
was er dann - in einer wirklich schrecklichen Vereinfachung über
die Gleichsetzung von Russen und Kommunisten auf die Linken übertrug.
Das Bündnis:
Die Möglichkeit eines Bündnisses mit den Rockern war für
die Protestjugend in verschiedener Hinsicht attraktiv. für jene Teile
der Bewegung, die von der Musik, der Bewusstseinserweiterung, von der
Begeisterung für alte Bräuche und Sitten, von der Abwendung
von erst
arrten Gesellschaftsnormen und der Ablehnung der Konsum-
und Leistungsgesellschaft her kamen, bot das Vodoo und Kulturmischmasch
eines Tino und seinesgleichen natürlich viel Spass, dazu geistige
und praktische Anregungen. Sergius Golowin, ein Vertreter dieser Richtung,
schilderte mir seine erste Begegnung mit Tino so:
"Urban Gwerder, der Herausgeber der Untergrundzeitschrift "Hotcha!",
hat mir bei ihm zu Hause im Zürcher Niederdorf einen Rocker vorgestellt.
Rocker waren mir zwar nicht unbekannt, die Bekanntschaften beschränkten
sich aber auf sogenannte Sonntagsrocker. Und dieser Rocker, das war Tino
und das passierte 1967 Wir haben uns spontan gut verstanden und er besuchte
mich dann oft in Interlaken oder ich war bei ihm in Zürich. Er konnte
mir von Seiten des Lebens erzählen, namentlich vom Zürcher Oberland
und vom Niederdorf, die für mich damals völlig neu waren und
das faszinierte mich. Ich hatte von Anfang an viel. Bewunderung für
ihn übrig, obwohl ich Schriftsteller bin und er fast nicht schreiben
und lesen könnte. Nicht aus mangelnder Intelligenz, sondern aus
einer Abneigung gegen unsere Zivilisation sträubte er sich dagegen
und er kam mir darin beinahe wie ein Vertreter des fahrenden Volkes vor.
Vermutlich hat er im Leben sehr wenig Bücher gelesen und sehr wenig
aufgeschrieben, aber er hatte dafür eine unheimliche Fähigkeit
im Erzählen: Um seine bildhafte Sprache habe ich ihn fast ein wenig
beneidet, ich selber erzähle ja auch gern. Aber bei ihm war ich meistens in der Rolle
des Zauhörers. Das dauerte dann etwa bis 1969. Dann kam in ihm das
Gefühl auf, seine Idee, hier eine ideale Freundesgruppe zu gründen,
würde irgendwie an den hiesigen Verhältnissen scheitern, und
vielleicht sei es besser, wenn er nach Amerika auswandern würde. "
Für die Neue Linke, die aus der Studentenbewegung und jungen Kritikern
in den traditionellen Arbeiterparteien stammte, waren die Motivationen
etwas anders:
Die genuine Ablehnung der Gesellschaft und ihrer Werte durch
die Rocker war für sie, die ihren Protest erst über einen mühsamen
intellektuellen Prozess formulieren konnten, Manna das vom Himmel fiel.
Endlich jemand, dem man nicht mehr über Schulungskurse und ausgeklügelte
Rhetorik davon überzeugen musste, dass etwas faul war im Staate Dänemark.
Und dann hatte man jemanden gefunden, der bereit war zu kämpfen
und dabei auch weniger ängstlich war als man selber.
Roland Gretler, einer der Vertreter dieser Neuen Linken schilderte mir
das Verhältnis zu Tino und den "Lone Starsa folgendermassen:
"Von der realen Existenz der Rockers hat man damals wenig gewusst.
Auf der einen Seite hat man sie als Genossen, als Zugehörige angesehen,
als Speerspitze beinahe verherrlicht und in der anderen Phase, der Retourkutsche,
hat man sie wieder als Bande von asozialen Fällen betrachtet. Die
Kontakte liefen ja auch weniger über die Neuen Linken als über
die Hippies, mit denen wir aber oft gemeinsame Sache machten. Bei den
Linken sind die Rockers vor allem von den Journalisten in Beschlag genommen
worden. Auch in der 'Schweizer-Illustrierten' und in anderen Zeitungen,
die damals als kritisch galten, gab es eine ganze Reihe von Artikeln über
die Rockers, in denen diese sehr stark heroisiert worden sind. Die wurden
regelrecht aufgebaut, er war eine richtige Mode unter diesen Joürnalisten.
Im kritischen oder sozialanalytischen Sinn haben sie natürlich nichts
beigetragen, sondern sie haben lediglich die Vorurteile gegenüber
Leuten, die anders gekleidet sind aufgebaut. Persönlich hatte ich
eine viel skeptischere Einstellung den Rockern gegenüber. Das heisst aber nicht, dass ich zu ihnen schlechtere Beziehungen
hatte, als die anderen, im Gegenteil; mit Tino bin ich recht gut ausgekommen:
Ich suchte mit ihm ein offenes und ehrliches Verhältnis, das die Differenzen ebenso zu Tage treten liess wie die Gemeinsamkeiten. Einmal,
als sie keine Loge fanden, wohnten sie bei mir, im Bauernhaus, das ich
gemietet hatte. Als sie aber das ganze Dorf, mit Kirchengeläute und
Motorenlärm, relativ rücksichtslos - nachher kann man zum Teil
sogar lachen - durcheinander zu bringen drohten, mussten sie bei mir wieder
ausziehen. Tino hat das aber sofort akzeptiert. Im Gegensatz vielleicht
zu den Mitgliedern seiner Bande konnte er sich.auch in die Haut anderer
Leute versetzen. für die Bewegung habe ich das Verhältnis zu
den Rockern immer als Gratwanderung angesehen: Ich habe nur dort auf Bündnisse
tendiert, wo Linke und Rocker wirklich die gleichen Interessen hatten.
Wenn es einfach darum ging; dass eine Aktion, vor der man selber Angst
hatte, von den Rockern gemacht werden sollte, so fanden wir es letzlich
doch besser, diese Aktion nochmals zu überlegen. Zudem war ich mir
über die Zuverlässigkeit der Rocker nicht immer ganz im Klaren.
Bei den Lämpen, die sie überall machten, sind sie natürlich
dem Gegner, der Polizei, oft in die Finger geraten und dort hat man sie
sicher auch über die Linken befragt. Und dort waren sie natürlich
sehr unzuverlässig, das war mit ein Grund. Dazu hatten die Strukturen,
die sie untereinander hatten, wirklich nichts zu tun mit den antiautoritären
Vorstellungen der Neuen Linken."
Wie das Bündnis mit der Bewegung für die Rocker ausgesehen haben
mag, schilderte Tino selbst in der bereits erwähnten Stelle im Film
"Krawall" :
"Das erste Mal, dass wir Kontakt gefunden haben mit anderen Gruppen,
die auch rebellieren, die sich such autlehnen gegen das Füdlibürgertum,
das ist eigentlich beim Globus-Krawall gewesen. Typisch, da haben sie
mich verhaftet und in Untersuchungshaft gesperrt und zwar ekelhaft lange,
am längsten von allen zusammen. Man hat von mir Namen wissen wollen
unter Verwendung von ganz faulen Touren:"Ihr seid missbraucht worden
von den Linksgruppen, gebt doch die Drahtzieher an und sagt wer"s
gewesen ist." Ich habe gedacht, die Sache, ist gut, diese Leute halten
weiter zu uns, die rebellieren genauso wie wir. Wir haben einfach keine
anderen Möglichkeiten, weil wir vom Schicksal nicht
die Möglichkeit gehabt haben zum Studieren, um das intellektuell
durchzuführen. Darum führen wir das auf die andere Art, auf
die radikate Art durch. Und wenn man sich dann zusammenschliessen kann,
dass die Studenten uns unterstützen und die Auilehnung auf die intellektuelle
Art machen und wir auf itie radikale Art, dann erst ist ein Erfolg da.
Es muss einfach noch ein besseres Zusammenarbeiten sein. Wenn alle zusammenhalten
und jeder für jeden da ist und jeder weiss, ich kann auf meinen Nächsten-zählen,
dann sirld wir nämlich stärker, als der ganze Apparat von Staat
und Stimmbürger und Füdlibüfger. Dann haben wir nämlich
die Macht in der Hand. Denn ein Zusammenleben gibt es in dieser Gesetlschaft,
in der wir jetzt leben und gegen die wir uns autlehnep, ein Zusammenhalten
gibt es dort nicht, es gehf nur um den Vorteil, um die Mutschgen, aum
die Kohle und sonst geht es um nichts dort."
Beide, Gretler und Golowin bestätigen, dass ohne die Person Tinos
und seine Vermittlung, eine Allianz mit der Rockern wohl kaum zustande
gekommen wäre. Und zwar einfach; weil er sehr wohl in der Lage war;
verschiedene Gesichtspunkte zu becücksichtigen und auch solche mit
einzubeziehen, die ihm imd seinen Leuten fremd waren.
Die Flucht:
Im Laufe des Jahres 1973 kratzt Tino, der es in der Strafanstalt Regensdorf
nicht mehr länger aushält, die Kurve. Um sich einen Nagel, der
sein Bein nach einem Töff Unfall zusammengehalten hat, entfernen
zu lassen, muss er ins Spital, wo er bei einer günstigen Gelegenheit
die Flucht ergreift. Es heisst, ein Motorrad hätte draussen
auf ihn gewartet. Zum zweiten Mal setzt er sich in den Libanon ab.
Jahre später wird er einem Freund erzählen:
"Lieber in
Freiheit verrecken, als im Knast kaputt gemacht werden. Das still auch
ein Beispiel für andere sein. Je länger du draussen bist, desto
mehr gibt dir das Kraft und du beginnst an deine eigene Stärke zu
glauben. Siehst du",erklärte mir dieser Freund, "Tino
hat das so gesehen und er hat auch so gelebt. Und er hat auch dafür bezahlt.
Mit seinem Leben. So eine Konsequenz und Geradlinigkeit habe ich noch
bei kaum einem Menschen, den ich kenne, gesehen. "
Über die Jahre, in denen sich Tino im Nahen Osten, speziell im Libanon,
aufhielt, ist mit Ausnahme von Geschichten, die Tino später erzählt
hat, wenig bekannt.
Er lebte eine zeitlang in einer abgeschiedenen Gegend,
wo er in einer Stein-Hütte wohnte und streiftejeweils tagelang mit
einem Hund und einem Raubvogel, den er sich gezähmt hatte umher.
Es sei die Zeit einer inneren Wandlung gewesen, Tino hätte sich zu
einem aussergewöhnlich toleranten Menschen entwickelt, was früher
zumindest gegenüber Leuten, die ausserhalb seines Bezugsrshmens gestanden
hätten, wohl weniger der Fall gewesen sei, ging die Erzählung
weiter. "Ich glaube, dass Tino in dieser Zeit lernen musste, Gesetze
und Sitten zu akzeptieren, die nicht von ihm selber aufgestellt worden
sind. In seinen letzten Zürcher Jahren hatte er eine unheimliche
Macht, konnte tun und lassen was er wollte, er liess sich von niemandem
etwas verbieten. Wenn es irgendwo Stunk gab waren er und seine Leute einfach
die Stärkeren. Hier im Libanon hatte er es aber teilweise mit Stammesgemeinschaften
zu tun, die ihre eigenen Gesetze hatten, an die auch er sich halten musste.
Ein anderes Problem war der Alkohol. In seinen Alkoholexzessen konnte
er unausstehlich werden und Dinge vollbringen, die er bei klarem Verstand
niemals getan hätte."
Diese Wandlung. will ich Euch mit einer Geschichte illustrieren:
Das Gebiet,
in dem Tino in seiner Stein-Hütte damals lebte, gehörte einer
Stammesgemeinschaft, die sich aus Gründen, die hier nicht erwähnt
werden sollen, Fremden gegenüber sehr verschlossen gab. Nur schon,
dass Tino auf dem Land dieser Bauern leben durite will einiges heissen.
Gelegentlieh stattete er dem Dorf einen Besuch ab. Die Leute waren
strenggläubige Muselmanen und hielten sich an das Alkoholverbot ihres
Propheten. Tino wiederum, musste sich eines Abends unbedingt vollaufen
lassen. Ãm Rausch geriet er an den Neffen des Dorf"älltesten
und verprügelte ihn. Kein Staat und keine Polizei konnte die Gemeinschaft
daran hindern, ihre eigenen Gesetze und Rituale zu praktizieren. Und gemäss
diesen wäre Tino ein toter Mann gewesen. Da der Dorf"ällteste
ihn aber in sein Herz geschlossen hatte, setzte er sich für ihn ein
und Tino konnte unversehrt im Dorf bleiben. Allerdings stellte er ihm
eine klare Bedingung. Sollte Tino während seines weitenen Verbleibens
je wieder einen Tropfen Alkohol anrühren, müsse er gehen. So
hielt sich Tino während dieser Zeit an das Verbot.
Die Leute, die er im arabischen Raum kennengelernt hatte, beschrieb
er später als Menschen der starken Worte, die nicht viel redeten,
aber in wenigen Worten sehr viel sagen konnten. Dass Tino mit solchen
Leuten zusammenleben konnte, hängt damit zusammen, dass er diese
Qualität - die nicht im Widerspruch zu seinem Talent, nächtelang
zu erzählen stand - ebenfalls besass.
1976 hielt er sich kurze Zeit in der Schweiz auf, ein Ort davon war Zürich.
Er ging Freunde besuchen, liess sich an diesem und an anjenem Ort sehen,
doch das Gastspiel war kurz, einige Wochen nur, denn so etwas spricht
sich schnell herum, schneller als es das Gebot der Vorsicht erlaubt.
Ein
Jahr, die Datierung ist ungewiss, lebte Tino auf den Philippinen.
Die späteren Jahre verbrachte er in Bolivien. Wer nicht schon beim
Libanon Aha! gesagt hat; dem beginnt es spätestensjetzt zu dämmern.
Vor lauter Eigenbau-Gras ist Euch vielleicht der "Rote Libanon"
entfallen, aber jedes Kind, das einmal im "Spiegel" oder im
"Stern" oder sonstwo geblättert hat, weiss: Aus Bolivien kommt
das Kokain. Und irgendwie wäre das verständlich. Von etwas musste
er ja leben.
Bolivien gehört zu den drei grossen Kokainproduzenten der Welt und
dieser Umstand bringtes mit sich, dass Handel und Ausfuhr in festen Händen
sind. Im Lande wird behauptet, die Familie des ehemaligen Diktators Hugo
Banzer sei stark ins Geschäft verwickelt, viele der hervorragendsten
Anbaugebiete in den Nord- und Südyungas, den von den Anden-Kordilleren
abfallenden Seitentälern, würden sich im Besitze der Banzers
befinden. Zudem kontrollieren sie die wichtigsten Banken im Lande. Die
Frau von Hugo Banzer wird unter den Einheimischen "reina de la nieve",
Schneekönigin, genannt.
Etwa die Hälfte jener 25 Tonnen Kokain, für die sechs
Millionen süchtige Amerikaner jährlich 23 Milliarden Dollar
ausgeben, stammt aus Bolivien.
Dort ist der niedrige Kokastrauch
seit Urzeiten für die indianische Bergbevölkerung eine sakrale
Pflanze, deren Blätter gegen Höhenkrankheit, Hunger und Kältegefühl
gekaut werden.
"Die Herstellung des Rauschgiftes Kokain ist das Geschäft
der Weissen. Von den Milliardenumsätzewder nordamerikanischen Mafia
gelangen inzwischen schonjährlich 1.6 Milliarden Dollar bis zu.Produzenten
und Händlern in Bolivien - das Doppelte dessen, was das Land mit
legalem Export von Zinn, Erdgas und Kaffee verdient", schrieb der
deutsche Jounalist Manfred von Conta 1981.
Die USA bekämpfen Boliviens Kokain-Export aus naheliegenden Gründen
und fordern ultimativ seine Unterbindung. Aber wie soll das vor sich gehen
in einem Land, das seit seiner Gründung 1825 bereits 189 Staatsstreiche
erlebt hat. Bietet sich zwischen den Militärdiktaturen wieder einmal
die Chance einer liberalen oder sozialistischen Regieiung, so wird versucht,
das Problem mit Landwirtschaftsprogrammen grundsätzlich zu lösen.
Nur wenn die Bauern eine reale Alternative erhalten, kann die Kokain-Produktion
in den Rahmen des traditionellen Kulturgutes zurückgedrängt
werden. Ein Berater des jetzigen gewählten und letztes Jahr aus dem
Exil zurückgekehrten - Präsidenten Hernan Silez Suazo erklärte
kürzlich einem französischen Journalisten gegenüber, dass
theoretisch die Möglichkeit bestehen würde, mit dem Problem
in 15 bis 20 Jahren fertig zu werden, konkret sah er jedoch keine Lösungen.
Wie alle Länier, die vom Drogenexport profitieren, besitzt Bolivien
rigorose Drogengesetze. Wer mehr als zwei Gramm irgendeiner illegalen
Droge in seinem Besitze hat, riskiert eine hohe Gefängnisstrafe.
Als Alibiübung gegenüber dem Ausland gedacht, treten die Gesetze
vor allem gegenüber Ausländern und Indios in Kraft, dazu genügt
schon ein kurzer Blick in die bolivianischen Geiängnisse. Wer sich
die Droge auf der Gasse oder im Hinterzimmer einer Spelunke kaufen will;
riskiert einem Drogenagenten in die Hände zu geraten.
Dass der Tausendsassa Tino sich in Vielem versuchte, könnt Ihr Euch
denken. Aber könnt Ihr Euch den ehemaligen Tino, DEN BOSS, ais kleinen
Koksschieber im Sold der von bolivianischen Militärs, Rechtsextremen
und alten Nazis beherrschten Drogenmafia vorstellen? Das Risiko, einen
unabhängigen Schmuggel aufzuziehen, was Tino vielleicht eher entsprechen
würde, ist immens hoch. Fast etwas zu hoch fiir einen, der jahrelang
auf der Flucht lebte und vielleicht hofft
,
seine Strafe sei einmal verjährt und er könne sich auch in der
Schweiz und Europa wieder sehen lassen und frei bewegen.
Tinos Leben im Exil müsst Ihr Euch eher so vorstellen, dass er sich
mit kleinen, meistens einigermassen legalen Geschäften durchgeschlagen
hatte. Zudem hatte er gute Freunde, die ihm aus dem Ausland ab und zu
Geld zukommen liessen.
Seine Grösse, seine kräftige Gestalt, seine Spontanität,
seine Gabe; sich über Gestik und Mimik, auch in Sprachen zu
verständigen, von denen er nur einige Brocken beherrschte und nicht
zuletzt seine Tätowierungen, halfen ihm zu schnellen und soliden
Kontakten mit Einheimischen, Abenteurern aund Reisenden. Zu den Tätowierungen
hatte er, wie mir Sergius Golowin erzählte, schon in den alten Zeiten
seine eigene Theorie: "Er hat gesagt, wenn man tätowiert sei,
so würde man bei den Leuten von anderen Rassen und Zivilisationen
immÎr mit den interessantesten zusammenkommen, denen die am wenigsten
von unserer Kultur verdorben seien und noch eine ursprüngliche Beziehung
zu ihren alten Bräauchen hätten. Mit interessanten Leuten von
den verschiedensten Nationen sei er sojedenfalls in die besten Gespräche
geraten." Er war auch sehr sicher in seinem UrteÏl über
andere Leute und wusste schnell, auf wen er sich verlassen konnte. War
das nicht der Fall, konnte aber auch er es dann auf die linke Tour mit
einem treiben.
Unter diesen Voraussetzungen war es ihm einfach, mit Antiquitäten
und Kunstgegenständen, für die er ein gutes Auge entwickelt
hatte, zu handeln, so dass er seine laüfenden Ausgaben damit bestreiten
konnte. Durch seine guten Kontakte zu den Bauern konnte er, wenn es nötig.
war, auch billiger durchkommen als auf dem Markt.
Eine Zeitlang soll er auch von Gold gelebt haben. Selbst in den Touristenführern
wird beispielsweise der Rio Tipuani, im Urwald östlich der Anden,
für Goldwäscherexpeditionen empfohlen. Einige Orte dort haben
sich in einem neueren Goldboom zu G"oldgräberzentren mit Vergnügungslokalen
und Puffs, alles natürlich in Baracken, entwickelt, wo der erfolgreiche
Goldgräber sein leicht verdientes Geld auch schnell wieder loswerden
kann.
Kleinere Gesellschaften, die Stollen unter die Flüsse baauen, den
abgelagerten Sand zu Tage fordern und ihn auswaschen, sind entstanden;
aber bereits haben auch amerikanische Gesellschaften, die mit riesigen
Baggern arbeiten, Schürfrechte erworben. Der Verkauf des Goldes ist
so geregelt, dass zumindest die kleinen Goldgräber praktisch an die
ansässige staatliche Minenbank verkaufen müssen, diejedoch nur
etwa einen Drittel des internationalen Goldpreises zahlt. Es heisst, Tino
habe sich selbst auch im Schürfen versucht, sogar eine kleine Mine
gekauft; die aber nicht rentierte. Meist habe er aber von den Leuten Gold
gekauft, zu einem Preis, der etwa über dem Preis der Banken gelegen
habe und in La Paz an Touristen etwas unter dem offiziellen Goldpreis
wieder verkauft.
Tino lebte in dieser Zeit mal hier aund mal dort und unternahm die verschiedensten
Reisen. Hauptsächlich aber hielt er sich in La Paz und ini
Gebietjenseits des ilahen Cumbre Passes, in den Yungas und ixh tiefergelegenen
Dschungel auf. Tino kannte s"ich in La Paz, das mit seinen 650"000
Einwohnern, davon die Hälfte Indios, die Hauptstadt des Landes ist,
bestens aus. Am Anfang seines Aufenthaltes hatte er es durchstreift, sich
"seine" Lokale, wo man ihn dann auch kannte, ausgesucht. Mehr
instinktiv, nicht im eigentlichen Sinne berechnend, baute er sich Verbindungen
auf, die ihm später in irgendeiner Hinsicht nützlich sein konnten.
In der ansässigen Ausländerszene und unter den jungen Indios
war er mit der Zeit gut bekannt. Auch hier gehörten wilde Motorradfahrten,
allerdings nicht mehr so häufig wie früher, zu seinem Image.
Oft lebte er mit Schweizern oder Europäern zusamrüen, die er
entweder von früher her kannte oder die über gemeinsame Bekannte
zu ihm stiessen. Man mietete sich irgendwo in dieser Gegend ein Haus oder
eine Hütte, liess es sich wohl sein oder unternahm eine Reise. Be
Tatsächlich hätte es sich bei dieser. Figur abei auch uin einen
ahnungslosen Wichtigtuer handeln können: Tino .konnte sich; wenn
er wollte, die weissen Kristalle sehr wohl beschafien und es veisteht
sich, dass unter Freunden geschnupft worden ist. Aber nach dem Eindruck,
den sie von diesem Trottel gewonnen hatten, wäre es völlig,
unverantwortlich gewesen, ihm eine Linie qcizubieten. Wenn nicht das BKA
oder die Drogenpolizei in den nächste Tagen erschienen wäre,
so hätten sie doch mit Sicherheit eine Völkerwanderung von neugierigen
Touristen vor dem Haus erwarten.müssen, weil dieser Mensch sein Erlebnis
sicherjedem erzählt hätte, der ihm über den Weg gelaufen
kam.
sonders ein Ausflugsziel in den Yungas nahe von La Paz hatte es ihm zeitweise
angetan. In seiner Hütte fanden auch vorüberziehende Rucksacktouristen
Aufnahme. Nächtelang erzählte er seine Geschichten. Allerdings
verliefen solche Zusammenkünfte nicht immer unproblematisch. Der
ehemalige Zürcher Velaustenfürst hatte immer ein gutes Verhältnis
zu den Leuten, die ärmer waren als er, weniger aus sozialethischen
Grunden, sondern, weil diese ihn einfach mehr üiteressierten, als
die gehassten "Füdlibürger". Õm Libanon hatte
er gelernt, sich diesen Leuten auch anzupassen und er hasste nichts mehr,
als die Rucksacktouristen, die mit ihrem "South American Handbook
oder der "Velbinger-Bibel" das Land durchqüerten und meinten,
sie müsstea es bei den Einheimischen immer auf die billigste Abreiss-Tour
versuchen. Beispielsweise regte er sich immer darüber auf, wenn
diese auf dem Markt die Preise derart heruntertrieben; dass die Leute
am Schluss die gelackmeierten waren.
Einmal trafen er und seine Freunde in einem Lokal auf einen Touristen,
tranken mit ihm Kaffee und plauderten. Nun nahm dieser die ZukkeTdose
und begann, Zucker in einen Plastikbeutel, den er bei sich hatte, abzuiüllen.
Ihr mögt verstehen, dass das für Tino entschieden zu weit ging.
Der Kaffee kostete umgerechnet etwa zehn Rappen. Er packte also diesen
Kerl, nannte ihn ein Schwein und gab ihm zu verstehen, . dass er hier
überflüssig sei, so dass dieser das Lokal augenblicklich verlassen
musste. . .
Dneben aber hatte er, wenn er nüchtern war, so etwas wie einen
sechsten Sinn für Situationen, die böse ausgehen konnten. Eines
Abends in La Paz sassen sie in einer fürchterlichen Spelunke. ber
100"000 Jahre Zuchthaus müssen da zusammengesessen"haben.
Ziemlich alles dabei,.Mord, Totschlag, Messerstecherei, Gewalttätigkeit,
die Liste könnte noch fortgesetzt werden. Im Laufe des Abends ist
unseren Freunden dann Kokain zu Kaufe angebotew worden. Tino gab dem Vermittler
zwar grünes Licht, raunte aber seinen Begleitern zu, es sei an der
Zeit, frische Luft zu schnappen. In der Nähe des Lokals hielten sie
an. Und es dauerte nur wenige Minuten bis fünf Polizisten, eintrafen,
denen sie gecade noch entkommen waren.
Ein anderes Mal besuchte sie ein Tourist, ein Deutscher, der davon. überzeugt
war, von Tino Kokain kaufen zu können. Einen ganzen Abend lang versuchte
er; ihn auszuhorchen nnd merkte dabei nicht, dass Tino genau das mit ihm
tat. Br liess. Leute, gegen die er nicht von Anfang an ein volles Vertrauen
hatte, nicht einfach abblitzen, sondern er gab.jedem eine Chance. Dieser
Deutsche nun benahm sich fürchter lich dumm. Er zeigte eine sehr
genaue Federwaage, die in Deutschland mindestens "400 Mark ,gekostet
hatte, zückte sein Flieger-Brevet und erzählte von seiner Tauchausbildung.
Tino sagte ihm kein Wort über Kokain und liess ihn am nächsten
Tag mit Andeutungen, er solle es eininal in "Cochatiaüiba oder
Santa Cruz; dem Sitz der rechtsextremen KoksMafia versuchen, wgiterziehen.
Der Kerl kam dann später wieder zurück - erfolglos, und versuchte
es bei Tino, von neuem. Irgendwie. hatte Tino ihn im Verdacht, er sei
ein Spitzel des deutschen BKA oder der deutschen Drogenpolizei. Denn zu
dieser Zeit liefen Gerüchte, es würden sich RAF-Leute in Bolivien
auihalten, teils nm sich zu verstecken, teils um sich ihre Aktionen über
Kokain zu finanzieren: Die Rede war auch einmal von einem Kokain-Transport
nach Deutschland, der von alten Nazis, aus der Gegend von Santa Cruz organisiert
worden war und in Deutschland dann gleichzeitig an Neonazi und RAF(!)-Kreise
weiterverteilt worden sei. Gründe fürs BKA, in Bolivien herumzuschnüffeln,
waren also vorhanden. Tino und seinen Freunden kam er einfach seltsam
vor, dieser Stümper, der mit einei teiuen Federwaage im Urwald herumzog
und an k"einer Grenze damif aufgefallen war. Zudem behauptete er,
über Ab satzkanäle nach Deutschland und nach der Schweiz zu
verfügen, hatte aber yon den Preisstrukturen ke"ine Ahnung.
.
. Ende
Auf der Ostseite der Kordillere, von La Paz aus über eine holprige
und gefährliche Strasse erreichbar, die sich den 4600 Meter über
Meer gelegenen Cumbre-Pass emporwindet, dann sehr steil in die Yungas
abfillt, , und schliesslich in den Selvas, im bolivianischen Dschungel,
der sich ge- " gen den Rio Beni ausbreitet endet, liegt ein Gebiet;
welches in den letzten Jahren unter Abentenrern und Auswanderern an Popularität
ge wonnen hat. Do;t, wo die Strasse endet; kann der We nur über Fuss
pfade oder einen der vielen Flüsse fortgesetzt werden. er weite
Strek ken unerforscht und kartographisch nur rudimentär erfasst,
bietet die Gegend Menschen, die den Auswüchsen unserer Zivüisation
abgesagt .: haben, die Möglichkeit, eici Leben zu ftihren, das ihren
Vorstellungen vom Ursprünglichen vielleicht sehr nahe kommt. "
Dass es Tino, der in seinen Rockerjahren Lagerfeuer und Mond scheinnächte
geliebt hatte und sich in :den späteren Jahren sehr intensiv z mit
den Bräuchen der Menschen, die er in der Natur antraf, auseinan dersetzte,
in dieser Gegend gefallen hat, muss ich Euch vermutlich nicht k weiter
erklären. Bestimmte Dinge nahm er auch suf und praktizierte sie "
für sich. Beispielsweise den Pacha Mamma Kult der Indianer. Wenn
dir a beim Essen etwas suf den Boden fällt, dann lass es liegen,
gib es der Er" de, von der es kommt zurück. Wenn dir nichts
auf den Boden fällt, so lass etwas fallen, gib es der Mutter Erde,
der Pacha Mamma. Er suchte die Plätze aus, an denen er sich setzte;
mit Vortiebe lehnte er sich dabei an Bäume. Er suchte Kraftplätze,
lange vor seiner ecsten Lektüre des von ihm dann sehr geschätzten
Castaneda. Eine rau hatte ihm einen breiten Gurt"gefertigt. Er liess
sie einen Auspruch des Don Genaro aus "die Reise nach Xtlan"
auf "diesen Gurt sticken. Daneben las er die Schriften Rudolf Steiners
und kannte sich im Koran ein wenig sus. .
Sein Traum war ein in üieser Gegend gelegenes Tal, von beachtlicher
Grösse, auf welches er bei den Indianern und Siedlern, die in dieser
" Gegend lebten, bereits eine Option hatte. Aber so gatz hatte er
sich von unserer Zivilisation noch nicht lossagen können. Vorläufig
lebte er in ei nem Marktilecken; einem Boom-Dorf, das in den letzten Jahren,
wegen der Goldgräberei, auf über 100÷ Seelen angewachsen
war. Das Klima
in diesem Tiefland behagte dem Asthinatiker besser als jenes auf dem Hochplateau
mit seiner dünnen Luft:
Tino hatte sich ein Haus gemietet, sagen wir, von einem gewissen , Don
X. Da dieser Don"X eine der wichtigen Persönlichkeiten im Dorf
war, bedeutete das für Tino einen gewissen Schutz und er konnte sich
in diesem Dorf sehr sicher fühlen. Don X lebte ün Glauben,
mit Tino auf verschiedenen Ebenen ins Geschäft zu kommen. Tino hatte
ihm von Abenfeuerreisen erzählt, die er, zusammen mit Freunden von
diesem ; Dorf aus unternehmen wolle. An diesen Reisen hoffte Don X, der
ihm dazu jede Unterstützung zusagte, zu verdienen. Dann war dieses
Haus, :., das Tino kaufen sollte: Aber Don X verlangte etwa 20 000 Franken,
ei nen für die Gegend etwa viermal zufiohen Preis. Tino tat zwar
als ob, aber im Grunde genommen interessierten ihn die Geschäfte
des Don. X nicht besonders.
Die Verwicklungen und Intrigen, die hier dann entstanden, fiihrten "
: schliesslich zu Tinos Verhaftung im Januar 1980. Mit denjungen Dorf
f bewohnern war.Tino wie überall schnell bekannt. Da gäb
es einenjun
gen Möchtegernkünstler, kaum 20 und dauernd bekifft, der überall
an eckte. Weiter gab es ein Mädchen. Dieses Mädchen; eigentlich
die Freundin dieses Jungen, hatte ein Verhältnis mit dem Polizisten
und schlief eine zeitlang mit Tino. Der Junge war oft zu Gast bei Tino
und da Tino ebenfalls ein leidenschaftlicher Patier war, sassen sie zusammen
im Garten und pafften.
Einen Tagesmarsch ilussaufwärts, in einem Gebiet, in dem Indianer
lebten, hatte TÏno eine Hütte, in die er sich öfters
zurückzog. In deren Nähe hatte er, ziemlich verstreut; Marihuana
angebaut: Von Ptlanzung s und Hütte wusste von den Einheimischen
nur dieser Junge. .
Eines Tages gerieten der Polizist und der Junge wegen dem Mäd chen
aneinander. Der Junge hatte von ihrem Verhältnis zum Polizisten etwas
erfahren und hatte sie deshalb arg bedrängt, Darauf verprügelte
der PolizÏst den Jungen. Inzwischen hatte der Polizist erfahren,
dass Tino ebenfalls eine Geschichte mit ihr hatte. Der Junge erzählte
dem
Polizisten wo Tino, den alle auf einer Reise glaubten; wirklich war, und
dass er dort Grass pflanzen würde.
Die Geschichte mit den Pflanzen wäre weiter nicht so schlimm gewesen, wenn sich gegen Tino nicht eine unheilvolle Allianz zusammengebraut
hätte. Don X, Tinos Schutzengel, wurde langsam flügellahm,
weil er mit Tino noch nie ins Geschäft gekommen war. Der Vater des
Jungen, ortsansässiger Zahnarzt und zweite Dorfgrösse, bangte
um seinen Sohn, der wegen seiner Pafferei und seinem Nichtstun in Verruf
geraten war und versuchte, diesen zu schützen. Also verschworen sich
die beiden Honoratoren zusammen mit dem Dorfpolizisten gegen Tino, der
plötzlich Übel über das Dorf gebracht haben sollte und
alarmierten mit der Behauptung, Tino hätte eine riesige Marihuanaplantage
im Dschungel, die Drogenpolizei in La Paz.
Tino, der von allem nichts wusste, trat eines schönen Morgens vor
seine Hütte. Als er die beiden Typen auf sich zukommen sah, war nicht
mehr an Flucht zu denken, die Hütte war umstellt. Sie nahmen ihn
mit an einen Platz, den der Junge, der ihn kürzlich erstmals zusammen
mit dem Mädchen. besucht hatte, gekannt hatte. Tino hatte eine böse
Vorahnung gehabt, weil sich das Mädchen, unter dem Vorwand, austreten
zu müssen, von der Hütte entfernt hatte und aus der entgegengesetzten
Richtung zurückgekommen war. Tino hatte später nachgeschaut
und am selben Platz, an dem er sichjetzt mit der "Narcotics - von
Amerikanern trainierten Spezialisten - befand, Fusspuren und abgerissene
Blätter gefunden. Mit einem Sprung riss er die drei Pflanzen, die
an diesem Platz wuchsen aus und stürzte sich in den Fluss, wo er
sie treiben liess. Damit beraubte er die "Narcs" ihres Beweises.
Es kun zu einer Schlägerei, in der er unterlag. Trotz intensiver
Suche wurden keine weiteren Pflanzen gefunden.
Die "Narcs", die keinen Spass verstanden und mit denen es nichts
zu verhandeln gab, nahmen ihn mit nach der Hauptstadt. Beinahe wäre
er ihnen auf dem Wege entkommen, als er sich vom offenen Fahrzeug stürzte.
In der Hitze des Gefechts hatte einer von ihnen das Gewehr fallengelassen,
das Tino, der sich beim Sprung verletzt hatte, in die Hände bekam.
Er hätte nur zweimal abdrücken müssen. Er war mit
den beiden allein und er hätte ohne weiteres untertauchen können.
Aber er brachte es nicht über sich zu schiessen. Wegen seiner Verletzung
konnte er nicht mehr fliehen und musste sich ergeben.
In La Paz im Gefängnis begann sich alles in die Länge zu ziehen.
Er gab seine Identität preis, Zürich wurde angefragt und stellte
Ausliefe rungsbegehren. Dadurch wurde der Fall iür Bolivien wichtig,
man meinte, einen grossen Fisch an Land gezogen zu haben. Umgekehrt gab
es für Zürich die verschiedensten Gründe; seiner habhaft
zu werden. Nebst den juristischen Motiven - Tino hatte seine Strafe noch
abzusitzen, es gab noch hängige Verfahren - mögen wohl auch
politische und persönliche Dinge mitgespielt haben. Tino wäre
ftir die 80er Bewegung ein präventives Exempel gewesen, dass sich
Krawall nicht lohnt. Und dann hatte er die Gewohnheit, der Zürcher
Polizei immer wieder mit Kartengrüssen eine lange Nase zu drehen.
.
Tino nahin sich einen Anwalt, der ihm empfohlen worden war und es gelang,
die Auslieferungsbegehren abzuwehren. Nun wäre es darum gegangen;
ihn loszukaufen. Der Anwalt meinte, mit 10000 Schweizerfranken sollte
dies möglich sein. Die Schwierigkeit beim Loskaufen besteht darin,
dass es nicht reicht, einen einzigen Richter zu schmieren, sondern es
geht um.eine ganze Hierarchie. Tinos Anwalt war ziemlich jung. Als es
im Juli des Jahres 1980 wieder einmal einen politischen Wechsel im Lande
gab - General Garcia Meza putschte unter der bergangsregierung der
Lidia Gueiler, noch bevor der schon damals gewählte Präsident
Hernan Siles Suazo, sein Amf antreten konnte -, hatte er zu werug Beziehungen
zu den alten Richtern, die unter dieser Konstellation wieder zum Zug kamen.
Die Sache wurde immer aussichtsloser.
Das Geiänngis in La Paz war kein Honigschlecken, aber wenigstens
war die Isolation kleiner als in Regensdorf: Ein Problem war das Geld.
Ohne Geld bist du aufgeschmissen, mit Geld lebst du wie im Hilton. Wenn
du eine Decke willst, so brauchst du Geld. Wenn du den Bohnenfrass, der
dich Mahlzeit für Mahlzeit würgt, der dich schwächt und
der dich krank macht, satt hast, dann winke mit einer Banknote und sie
bringen dir ein königliches Mahl. Wenn du aber verzweifelst, dann
brauchst du Geld und sie bringen dir Sprit, sie bringen dir Shit, sie
bringen dir Kokapaste; sie bringen dir H.
Tino war unter den Gringos schnell die Autorität. Die Indios redete
er mit Don an, was normalerweise die Weissen nicht tun, und sie redeten
ihn ebenfalls mit Don an. Als er dann das Problem mit dem Geld gelöst
hatte, kam das Problem mit dem Gift. Das Problem mit dem Sprit und das
Problem mit der Paste. In den kokainproduzierenden Ländern wird die
Paste, ein Zwischenprodukt, bei der Herstellung von Kokainkristallen,
geraucht. Neben der unangenehmen Eigenschaft, dass man fast nicht von
ihr lassen kann, bis sie aufgeraucht ist, schadet sie dem Körper.
Tino, der die Freiheit über alles liebte, war.bald doppelt
gefangen. Darüber hat er Briefe geschrieben. Er dachte an das Tal;
in dem er siedeln konnte. Er suchte die Ttuhe, die Nataur, die Freiheit.
So war in ihm der Entschlüss gereift, wieder einmal abzuhauen. Und
wieder nützte er die Gelegenheit eines Spitalaufenthaltes dazu aus.
Der Marsch in die Freiheit führte ihn über den Cumbre-Pass.
Auf dieser Höhe sinken in der Nacht die Temperaturen weit unter Null..
Tino war mit einem Hemd und einer Hose bekleidet, gerade so,wie er das
Spital hatte verlassen können. Erst als er die Yungas erreicht hatte,
konnte er mit den Früchten, die abgestuft nach Höhe wachsen,
seinen Hunger stillen. Die Gesamtstrecke seiner Flucht betrug etwa 300.
Kilometer: , Vielleicht hat er unterwegs bei Freunden unterkriechen können,
aber es müssen mörderische Strapazen gewesen sein, die er durchgemacht
hat. Aber es gibt die alten Erzählungen; in denen er todesmutig über
Dachrinnen balanciert ist. Es gibt die Geschichten von seinen Motorradunfällen.
"Der hatte vor seinem Kopf ein Fenster in eine andere Welt, oft hatte
man bei ihm das Gefühl, er sei schon dortn; erzählte mir Pfarrer
Ernst Sieber.
Nach Tagen der Flucht, muss er angekommen sein,.in seinem geliebten Tuttilimundi.
Tuttilimundi bedeutete für ihn Freiheit. Er hat Freunden, die ihn
im Gsfängnis besuchten, von Tuttilimundi erzählt. Das Tal in
dem er siedeln gekonnt hätte, liegt ganz in der Nähe.
Kurz nach"seinei Ankunft ist er in Tuttilimundi gestorben. Mitten
auf dem Dorfplatz, unter einem Baum. Tino der so gern unter Bäumen
sass: Jemand hat mir erzählt, Tino hätte diesen Baum gekannt
und sei bereits bei anderen Gelegenheiten hier gesessen.
Auf der Todesanzeige steht: "Heute, den 21. Dezember 1981 haben wir
erfahren; das unser lieber Sohn, Bruder, Schwagei usw.; Martin "
...in Tuttilimundi an einer Vergiftung gestorben ist. Er wurde dort von
seinen indianischen Freunden begraben.u Vergiftung - dahinter mag. ein
letzter Griff zur Flasche stecken, den er sich nach der Flucht gegönnt
hat; aber ins Gewicht fallen vor allem die Strapazen. Erschöpfung,
Kreislaufkollaps, ein Arzt dürfte wohl nich.t dabeigewesen sein.
Tino starb 35 ;jährig.
Tuttilimundi findet sich auf keiner Landkarte. Auch in keinem Ortschaftsverzeichnis.
Sogar im Welpostverzeichnis habe ich nachgesehen. In La Paz kann Euch
das ebenfalls niemand sagen. Tuttilimundi ein schöner Name. Küngt
italienisch und nicht indianisch. Aber vielleicht hiess er ganz anders,
bei den Indianern. Und ein Italiener, der dort gesiedelt hat, hat aus
den Lauten etwas ähnliches herausgeHört, wie Tuttilimundi. Und
von da an hat das Dorf eben so geheissen.
Es heisst, dass einer aus der alten "Lone Star Gang" nach Bolivien
gereist sei, um Tino zu suchen, nachdem dieser aus dem Gefängnis
türmte. In Tuttilimundi, das er gefunden hat; hätten sie ihn
wegschicken wollen. Als sie aber seine Tätowierungen bemerkten, haben
sie ihn fragend angeschaut. Und dann sind sie mit ihm auf den Friedhof
gegangen und haben ihm ein Grab gezeigt, er ist der einzige, der dieses
Grab gesehen hat. Und dann ist er zurückgereist und hat diese Geschichte
erzählt.
Tino hatte einen Traumberuf. Im Nahen Osten, pflegte er zu erzählen, da gebe es noch Leute, die würden in der Gesellschaft geachtet,
weil "sie kämen, um Geschichten zu erzählen, die Leute
würden ihnen Speis und Trank und die Wasserpfeife reichen: Die Geschichtenerzähler
könnten davon leben. Und dann würden andere kommen und diese
Geschichten hören und würden gehen und, diese Geschichten weitererzählen".
Und in Tuttilimundi steht einer an der Bar des Hotel "Latino" und
erzählt alte Geschichten aus Irgenwo und überall. Und solltet
Ihr einmal dort vorbeikommen ...
Ich fand diesen Text (von Martin Meier) 1989, als ich in der Landesbibliothek Bern nach Artikeln zum Thema "Rocker in der Schweiz" suchte. Es war einer der ersten Texte hier auf magnolia.ch. 1995 (als ich den Text fand) war "Tino" den meisten Leuten kein Begriff mehr, und nur wenige (Merci, Sergius Golowin & Urban Gwerder) konnten mir überhaupt noch etwas von dem "wilden Typen mit dem grossen Herz" erzählen. Darum erschien es mir zu der Zeit umso wichtiger diesen "Nachruf" ins Web zu stellen ...
Unterdessen hat Willy Wottreng(aus Zürich) Tino's Geschichte recherchiert und als Buch unter dem Titel "Tino -Der König des Untergrunds" beim Orell Füssli Verlag veröffentlicht .
Euch allen möchte ich das Buch "Halbstark" von Karlheinz Weinberger ans Herz legen, der die Geschichte der Halbstarken in Zürich seit den 50er Jahren miterlebt und fotografisch festhält.
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